Dilthey Fellow am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
In ihrem Forschungsprojekt Epistmologie des Hörens 1850-2000 beschäftigt sich Julia Kursell mit den Wechselwirkungen wissenschaftlicher Hörkulturen zwischen Physiologie und Musikwissenschaft. Der Tagungsband Sounds of Science/Schall im Labor, 1800-1930 (Berlin 2008) versammelt internationale Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Gegenstandsbereichs Klang, Hören und Audiomedien.
Abstract:
Hugo Riemanns Grenzen.
Der Ausgangsfrage folgend, weshalb sich zwar mittlerweile eine erstaunlich erfolgreiche ,Bildwissen-schaft‘, aber keine vergleichbare ,Klangwissenschaft‘ etabliert hat, soll zunächst das Verhältnis der Musikwissenschaft zum Auditiven problematisiert werden. Als aufschlussreich könnte sich dabei ein Blick zurück auf die Gründungspase der Musikwissenschaft als universitäre Disziplin erweisen. Diese ist in Deutschland eng mit der Figur Hugo Riemanns (1849-1919) verbunden, der sich nach einem anfänglichen Interesse für Physik und Physiologie bis 1900 von naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen musikalischer Zusammenhänge mehr und mehr abgewandt hat. In seinen Schriften zur musikalischen Ästhetik beschreibt er die Musik als einen in sich geschlossenen Kosmos aufeinander bezogener Töne, die in der Musik als Kunst allein zur Anwendung kommen. Die Erforschung der so definierten Tonbeziehungen bildet Binnendifferenzierungen im System tonaler Musik aus, die in der Folge eine breite Wirkung entfalten. Nicht nur in der aktuellen Rezeption von Riemanns Modellen musikalischer Harmonik, sondern allgemeiner im Verständnis dessen, was Musikwissenschaft zu leisten hat, setzt diese Wirkung sich fort, die gleichzeitig auch zu einer Abschirmung des Gebiets der Musikwissenschaft beigetragen hat, dem ein enger Musikbegriff zugrunde liegt.















