Dr. Julia Kursell

Dilthey Fellow am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin

In ihrem Forschungsprojekt Epistmologie des Hörens 1850-2000 beschäftigt sich Julia Kursell mit den Wechselwirkungen wissenschaftlicher Hörkulturen zwischen Physiologie und Musikwissenschaft. Der Tagungsband Sounds of Science/Schall im Labor, 1800-1930 (Berlin 2008) versammelt internationale Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Gegenstandsbereichs Klang, Hören und Audiomedien.

Abstract:
Hugo Riemanns Grenzen.

Der Ausgangsfrage folgend, weshalb sich zwar mittlerweile eine erstaunlich erfolgreiche ,Bildwissen-schaft‘, aber keine vergleichbare ,Klangwissenschaft‘ etabliert hat, soll zunächst das Verhältnis der Musikwissenschaft zum Auditiven problematisiert werden. Als aufschlussreich könnte sich dabei ein Blick zurück auf die Gründungspase der Musikwissenschaft als universitäre Disziplin erweisen. Diese ist in Deutschland eng mit der Figur Hugo Riemanns (1849-1919) verbunden, der sich nach einem anfänglichen Interesse für Physik und Physiologie bis 1900 von naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen musikalischer Zusammenhänge mehr und mehr abgewandt hat. In seinen Schriften zur musikalischen Ästhetik beschreibt er die Musik als einen in sich geschlossenen Kosmos aufeinander bezogener Töne, die in der Musik als Kunst allein zur Anwendung kommen. Die Erforschung der so definierten Tonbeziehungen bildet Binnendifferenzierungen im System tonaler Musik aus, die in der Folge eine breite Wirkung entfalten. Nicht nur in der aktuellen Rezeption von Riemanns Modellen musikalischer Harmonik, sondern allgemeiner im Verständnis dessen, was Musikwissenschaft zu leisten hat, setzt diese Wirkung sich fort, die gleichzeitig auch zu einer Abschirmung des Gebiets der Musikwissenschaft beigetragen hat, dem ein enger Musikbegriff zugrunde liegt.

Prof. Dr. Sabine Sanio

Gastprofessorin für Theorie und Geschichte der auditiven Kultur am Studiengang Sound Studies des Zentralinstituts für Weiterbildung der Universität der Künste, Berlin

Sabine Sanio, geb. 1958, studierte Germanistik und Philosophie, seit 1991 zahlreiche Veröffentlichungen zur aktuellen Ästhetik, insbesondere zur Medientheorie, zu Phänomenen in den Grenzgebieten der Künste sowie zu den Beziehungen der Künste untereinander, in Buchform: Alternativen zur Werkästhetik: Cage und Heißenbüttel (Saarbrücken 1999) sowie: 1968 und die Avantgarde. Politisch-ästhetische Wechselwirkungen in der westlichen Welt (Sinzig 2008). Zusammen mit Christian Scheib hat sie den Band Das Rauschen (Hofheim 1995) herausgegeben, in dem die Rolle von Geräuschen, Rauschen und Lärm, von technischen Audiomedien sowie informationstheoretischen Konzepten für die Musik des 20. Jahrhunderts herausgestellt wird. Zur Zeit entwickelt sie Theoriemodule für den Studiengang Sound Studies.

Abstract:
Warum Sound Studies? Zu einigen Veränderungen im Selbstverständnis der Musikwissenschaften

Im Laufe des 20. Jahrhunderts kam es, nicht zuletzt durch Verwendung neuer Techniken und Medien, zu grundlegenden Veränderungen in der musikalischen Aufführungs- und Kompositionspraxis. Kompositionen artikulieren zunehmend seltener tonale Beziehungen in musikalischen „Texten“ (Partituren), statt dessen werden vermehrt neue Klänge, neue Klangerzeugungsmöglichkeiten und unbekannte Rezeptionssituationen erkundet. Die daraus resultierende Erweiterung des Musikbegriffs hat inzwischen auch die Musikwissenschaft erfaßt. Das traditionelle Selbstverständnis einer historisch ausgerichteten Wissenschaft wird ergänzt und erweitert durch neue Konzepte, die auf die musikalischen, technischen und kulturellen Veränderungen reagieren – neben dem veränderten Musikverständnis ist es insbesondere das allmählich wachsende Bewußtsein für die auditive Dimensionen unseres Alltags und unserer Kultur, für audiovisuelle Phänomene wie Sounddesign oder Filmtongestaltung, für die Bedeutung des Auditiven in Architektur und Stadtplanung. Angesichts der Vielfalt und Komplexität dieser sehr unterschiedlichen Phänomene kommt dem Einsatz interdisziplinärer Analysemethoden besondere Bedeutung zu – eine Entwicklung, die der an der Universität der Künste Berlin eingerichtete neue Studiengang Sound Studies Rechnung zu tragen versucht – schon mit dem Namen wird die Nähe zu den Cultural Studies suggeriert.

Prof. Dr. Rolf Großmann

Professor für Musik und auditive Kultur sowie Digitale Medien/Kulturinformatik am Studiengang Angewandte Kulturwissenschaften der Universität Lüneburg

Rolf Großmann hat sich mit dem Thema Musik als Kommunikation (Braunschweig 1991) promoviert und verfolgt neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch eine Laufbahn als Musiker (mit dem Schwerpunkt Jazz) und Klangkünstler. Er ist außerplanmäßiger Professor in den Bereichen ,Musik und auditive Kultur‘ sowie ,Digitale Medien/Kulturinformatik‘ des Studiengangs „Angewandte Kulturwissenschaften“ der Leuphana Universität Lüneburg und dort Leiter des Schwerpunktbereichs „((audio)) Ästhetische Strategien“. Im letzten Jahr erschienen: Christian Bielefeldt, Udo Dahmen, Rolf Großmann (Hg.): PopMusicology. Perspektiven der Popmusikwissenschaft (Bielefeld 2008).

Abstract:
Die Materialität des Klangs und die Medienpraxis der Musikkultur ­ – ein verspäteter Gegenstand der Musikwissenschaft

Im Zuge des Wandels der medialen Zurichtung, in der musikalische Tradierung und Gestaltung stattfindet, hat die an der traditionellen Notenschrift ausgerichtete Musikwissenschaft ihre Zuständigkeit für einen großen Teil aktueller Musikpraxis eingebüßt. Die neue Schriftlichkeit der Phonographie lässt akustisches Material als Schall-Platte (!) oder Magnetbandschnipsel buchstäblich greifbar werden, bevor es sich in den digitalen Rastern der Samplerate und Bittiefe auflöst und dort ein weiteres umfassendes Spektrum von Transformationen generiert. Musique concrète, Hiphop, Dub, Soundscapes und Klangkunst sind nur einige Schlaglichter, die leicht als Ergebnis des medienmusikalischen Wandels auszumachen sind. Betroffen ist jedoch die gesamte auditive Kultur des Hörens und Gestaltens akustischer Phänomene. Ein wichtiger Schritt zum musikwissenschaftlichen Verständnis der Veränderungen in der Musik könnte die Neubestimmung nicht nur ihrer Medialität und Materialität, sondern auch der Konzeption musikalischen Materials sein. Bisherige Materialdiskurse der Musik (etwa bei Th. W. Adorno) verhandeln technische Medien als reine Vermittlungsinstanzen, die im Hinblick auf von ihnen vermittelten Gegenstände neutral bleiben. Hier sind medienwissenschaftliche Positionen fruchtbar zu machen.
Medienwissenschaft – das zeigt auch diese Tagung – übernimmt bereits seit einiger Zeit einen Teil des verlorenen Terrains der Musikwissenschaft. Dies ist notwendig und hilfreich, produziert aber auch Missverständnisse und Verwerfungen. Parallelen zur Kunst-  und Literaturwissenschaft, die sich mit dem Wandel ihrer Gegenstände ebenfalls schwer taten und tun, sind dabei nicht zufällig. Die Diskussion über sinnvolle Fokussierungen, Fragestellungen und Ziele der „alten“ Fachdisziplinen, die aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive kaum erschlossen werden können, ist durchaus spannend, wenn sie nicht als Abwehrkampf von alt gegen neu geführt wird. Bezeichnungen wie Bildwissenschaft, visuelle Kultur oder Sound Studies, auditive Kultur etc. sind in diesem Sinne Label neuer, noch wenig disziplinierter wissenschaftlicher Zwischenbereiche, deren alte und neue Heimat zu klären wäre.

Frank Schätzlein

Stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Studium und Beruf, Fakultät für Geisteswissenschaften, Universität Hamburg

Frank Schätzlein war von 2002-2006 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Medienwissenschaft der Universität Hamburg und ist seit 2006 stellvertretender Leiter der Arbeitsstelle Studium und Beruf in der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg. Dozent in den Fächern Medien- und Kommunikationswissenschaft, Medienmanagement, Germanistik/Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen; Redakteur medienwissenschaftlicher Bücher, Zeitschriften und Websites; mehrere Jahre Mitglied im Vorstand der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM). Vorträge und Publikationen zu den Themen Hörspiel, Radio, Audiomedien, Sounddesign, auditiver Wahrnehmung, Medienwissenschaft, Hochschuldidaktik und E-Learning. Infos unter www.frank-schaetzlein.de

Abstract:
Zwischen „Rundfunkwissenschaft“ und „Sound Studies“ ­– Klang als Gegenstand medienwissenschaftlicher Hörfunkforschung.

Die Hörfunkforschung der kulturwissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft ist in den letzten Jahren wieder in Bewegung gekommen. Zahlreiche Tagungen sowie kleine und große Forschungsprojekte widmen sich dem bislang – gegenüber Film und Fernsehen – in der Medienwissenschaft eher vernachlässigten Medium Radio. Nach einer langen Zeit der Dominanz von Institutions- und Programmgeschichte rücken nun häufiger Probleme des Akustischen im Hörfunk, verbunden mit Fragen bezüglich der Gestaltung und Wahrnehmung audiovisueller Medienprodukte, in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses.
Dabei wurde im Bereich der medienwissenschaftlichen Hörfunkforschung in ihrer mittlerweile rund achtzig Jahre andauernden Geschichte zwischen „Rundfunkwissenschaft“ und den neuesten Entwicklungen im Bereich der „Sound Studies“ bereits an verschiedenen Stellen versucht, auch den Klang als Kategorie oder Untersuchungsgegenstand in den Blick zu nehmen. Es erscheint somit lohnenswert, einen Blick auf die historische Entwicklung der Forschung mit ihren Ansätzen, Sackgassen, wechselnden Koalitionen, Schwerpunkten und Defiziten zu werfen.
Was in der medienwissenschaftlichen Hörfunkforschung weitgehend fehlt, ist (wenn man von der Programmgeschichtsforschung absieht) eine Diskussion der Methoden, wie sie in Bezug auf andere Medien innerhalb der deutschen Medienwissenschaft deutlich ausgeprägter zu finden ist. Die aktuelle Diskussion über die „Sound Studies“ könnte als Anlass dienen und auch inhaltlich dazu genutzt werden, alte Forschungslücken zu schließen oder wenigstens den Fokus durch eine veränderte Perspektive auf bisher vernachlässigte Aspekte des Mediums und die Klang-Gestaltung seiner Sendeformen zu lenken – und damit auch die Methodendiskussion verstärken. Am Beispiel künstlerischer Sendeformen im Hörfunk soll im Vortrag gezeigt werden, wo Anknüpfungen an und Fortführungen von Themen, Perspektiven und Methoden der klangbezogenen Forschung möglich sind.

Dr. Daniel Gethmann

Universitäts-Assistent für Kultur- und Medienwissenschaft am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, Technische Universität Graz, Österreich

Daniel Gethmann arbeitet seit Jahren intensiv zur Mediengeschichte und -theorie der auditiven Kultur. Seine Veröffentlichung Die Übertragung der Stimme. Vor- und Frühgeschichte des Sprechens im Radio (Berlin/Zürich 2006) analysiert die Auswirkungen auditiver Medientechnologien auf die Diskurse der Stimme und des Sprechens. Gethmann hat ferner im März 2009 die Tagung Zauberhafte Klangmaschinen zur Mediatisierungsgeschichte der Speicherung, Erzeugung, Übertragung und Verarbeitung von Klang ausgerichtet; die Ergebnisse sollen 2010 in Form einer Publikation erscheinen.

Abstract:
Von eingeritzten Rillen zu sprechenden Streifen. Perspektiven medienhistorischer Klangforschung.

Ausgehend von der Annahme, dass eine medienwissenschaftliche Klangforschung ihren Gegenstand der kulturtechnischen Übertragung, Speicherung und Bearbeitung auditiver Sinnesdaten verdankt, erlangen deren Experimentalsituationen und ihr Kontext eine besondere Bedeutung. Denn sie markieren neben der Schwelle, an der akustische Medien entstehen und sich ausdifferenzieren, zudem die Bedingungen einer medienwissenschaftlichen Klangforschung mit ihren spezifischen Zugängen und Fragestellungen an die auditive Kultur. Daher bildet in medienhistorisch-genealogischer Perspektive die Integration des Klangs in die Medien während der experimentellen Formierung von akustischen Medientechniken am Beispiel der Klangspeicherung auch ein Modell für die Beobachtung auditiver Medienkulturen und deren historischen Veränderungen.

Dr. Cornelia Epping-Jäger

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Germanistik/Angewandte Sprachwissenschaft, Universität Siegen

Cornelia Epping-Jägers Arbeiten zum ‚Dispositiv Laut/Sprecher‘, in denen die zentrale Stellung der mediatisierten Stimme im medialen Gefüge des Nationalsozialismus hervorgehoben wird, stellen einen wichtigen kulturwissenschaftlichen Beitrag zu den Klangkulturen des Politischen dar. In dem von ihr herausgegebenen Buch Medien/Stimmen (Köln 2003) hat sie weitere Arbeiten zum Thema zusammengestellt.

Abstract:
Klangdispositiv. Das Spannungsverhältnis zwischen anthroplogischer und mediatisierter Stimme.

Durch die „technisch neuen Aufnahmeapparate (Film, Grammophon, Tonfilm)“ wurde, wie Karl Bühler 1933 konstatierte, die Ausdrucksforschung in Stand gesetzt, vokal-auditive Ausdrucksbewegungen aus dem Kontext anthropologischer Untersuchungsansätze zu lösen und hinsichtlich ihrer dispositiven Prozessierungsbedingungen zu analysieren. Der Klang der Stimme wurde nicht mehr prioritär als Indiz für seelische Verfasstheiten des Adressanten, sondern in seiner Adressierungsfunktion fokussiert. So sehr das „Klanggesicht“ der Stimme rückzuverweisen scheint auf die seelische Verfasstheit der Sprechenden, wird es doch wesentlich bestimmt durch medial dispositive Bedingungen. Bühler ersetzt so zum ersten Mal einen erlebnispsychologischen durch einen an einem mediatisierten Kommunikationsraum, mithin einem ‚Klangdispositiv‘ orientierten Ausdrucksbegriff. Das anhand der Radioexperimente des Jahres 1933 entworfene theoretisch-methodische Forschungsparadigma bindet die Analyse des Ausdrucksphänomens ‚Stimmklang‘ konstitutiv an die medialen Dispositive, in denen Klang prozessiert wird. Der Bühlersche Ansatz könnte so zu einem kulturwissenschaftlichen Analysemodell beitragen, welches das Spannungsverhältnis zwischen anthropologischer Stimme und dem Klang der Stimme in dispositiver Situiertheit aufzuzeigen vermag.

Dr. Jochen Venus

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Medienwissenschaft, Universität Siegen

Jochen Venus ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Teilprojekt „Mediennarrationen und Medienspiele“ des SFB/FK 615 „Medienumbrüche“ der Universität Siegen. Studium der Medienwissenschaft, Allgemeinen Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie. Promotion über die Begründungsprobleme der Medientheorie und der Medienwissenschaften. Forschungsschwerpunkte: Medientheorie, Spielfilm, Computerspiel, Stimmkünste in den Medien, mediale Formen  der Wir-Intentionalität. Aktuelle Veröffentlichungen: Masken der Semiose. Zur Semiotik und Morphologie der Medien, Berlin 2010; Erzählformen im Computerspiel, Bielefeld 2010 (hg. zus. m. Jürgen Sorg); Spielformen im Spielfilm. Zur Medienmorphologie des Kinos nach der Postmoderne, Bielefeld 2007 (hg. zus. m. Rainer Leschke). „Raumbild und Tätigkeitssimulation. Video- und Computerspiele als Darstellungsmedien des Tätigkeitsempfindens“, in: Das Raumbild: Bilder jenseits ihrer Flächen, hg. v. Gundolf Winter, Jens Schröter u. Joanna Barck, München: Fink, 2009.

Abstract:
Resonanzen und Reflexionen. Zur Problematik einer Semiotik des Akustischen.

Klängen eignet jedoch ebenso wie Bildern eine Zeichenfunktion. Wie lässt sich diese Zeichenfunktion modellieren? In den 1960er Jahren versprach die strukturalistische Semiotik, alle Zeichenprozesse unter einem einheitlichen, neutralen und logisch strengen Paradigma beobachten und erklären zu können. Gerade im Bereich des Akustischen aber hat sich diese analytische Strategie als wenig tragfähig erwiesen.. Verantwortlich dafür ist offenbar, dass sich die semiotische Forschung vor allem am sprachlichen Zeichen orientierte und dadurch alle Zeichenprozesse nach dem Modell der Lektüre arbiträrer Zeichen rekonstruierte. Im Bereich des Akustischen sprechen aber schon vortheoretische Intuitionen massiv gegen eine solche Modellierung. Wenn wir einen Klang hören, verstehen wir nicht, was er uns ‚sagen’ will. Zwar erleben wir Klänge als intentionale Artefakte, die Signifikanz von Klangphänomenen ist allerdings offenbar anderer Art als die sprachlicher Zeichen. – Das Scheitern des strukturalen Ansatzes der Semiotik im Feld des Akustischen ist außerordentlich aufschlussreich, sagt es doch ex negativo einiges über mediale Prozesse diesseits und jenseits sprachlicher Kommunikation. Es lohnt sich, vor dem Hintergrund einer gescheiterten strukturalen Semantisierung des Akustischen die Alternativen auszuloten, wie die Semiose des Akustischen zu modellieren und zu analysieren wäre.

Dr. Daniel Morat

Dilthey Fellow am Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Daniel Morat ist Historiker und arbeitet an einem durch ein Dilthey-Fellowship der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Habilitationsprojekt zur Klanglandschaft der Großstadt. Kulturen des Auditiven in Berlin und New York 1880-1930. Er ist Gründungsmitglied des Berliner Netzwerks für die Geschichte des Hörens.

Abstract:
Die Großstadt als medialer Klangraum. Urbane Medienkulturen des Auditiven 1880-1930 und die Frage nach dem Klang in der Geschichtswissenschaft.

Besonders die Entwicklung akustischer Übertragungsmedien hat die auditiven Praktiken in den technisierten Gesellschaften – und insbesondere in den Großstädten – nachhaltig verändert. So führte die Verbreitung des Telefons ab 1880 und des Radios in den 1920er Jahren zu nachhaltigen Veränderungen der akustischen Stadtwahrnehmung. Die Rekonstruktion der urbanen Nutzungsgeschichte dieser beiden Medientechnologien und ihrer Dynamik sollte also eine Möglichkeit darstellen, die Bedeutung auditiver Kulturen herausarbeiten zu können. Methodisch bietet sich daher aus Sicht der Geschichtswissenschaft eine Perspektive an, die in Anlehnung an die neuere Kulturgeschichte nach Aneignungs- und Deutungspraktiken der historischen Akteure fragt. Auf diese Weise soll zugleich der mögliche Gewinn der kulturhistorischen Methode für eine interdisziplinäre Klangwissenschaft anschaulich gemacht werden.

Dr. Marcus S. Kleiner

Lehrkraft für besondere Aufgaben im Fachgebiet Medienwissenschaft, Universität Siegen

Marcus S. Kleiner ist Mediensoziologe und Mitherausgeber des vielbeachteten Buches Soundcultures (Frankfurt a. M. 2003), in dem Analysen der Kulturen und Diskurse elektronischer Musik zusammengestellt sind.

Abstract:
Die Taubheit des Diskurses. Zur Gehörlosigkeit der Soziologie im Feld der Musikanalyse.

Aus soziologischer Perspektive wird das Auditive von der Musiksoziologie thematisiert. Allgemein hat diese musikbezogenes Verhalten zum Gegenstand. Musik wird als, wie Frank Rotter hervor hebt, sozial ausgezeichnetes akustisches Produkt verstanden, dass von der sonst akustisch wahrnehm-baren Umwelt abgegrenzt wird und in einen konkreten Interaktionszusammenhang eingebettet ist. Deutlich vernachlässigt wird hierbei allerdings die Analyse von Musik als Schallereignis. An dieser Situation hat auch das seit einigen Jahren zunehmende Interesse an kultursoziologischen Fragestellungen nichts grundlegend geändert. Auffallend hierbei ist, dass die soziologische Forschung, auch mit Blick auf kulturelle Manifestationen und kulturelle Wandlungsprozesse im Alltag, kaum einen Sinn für die Bedeutung der Omnipräsenz von Musik im Alltag besitzt, also letztlich gehörlos geblieben ist. Der transdisziplinäre Forschungsansatz der Cultural Studies im Spannungsfeld von Sozial‐ und Kulturwissenschaften, dessen Geburt durchaus aus dem Geist der Musik miterfolgte und seit den 1970er Jahren kontinuierlich Arbeiten zum Verhältnis von Musik, Medien, Kultur und Gesellschaft hervorbringt, scheint demgegenüber eine fundierte Basis für eine soziologische Theorie auditiver Medienkulturen darzustellen

Dr. Gregor Schwering

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB/FK 615 „Medienumbrüche“, Universität Siegen

Gregor Schwering hat sich in seiner Dissertation Benjamin – Lacan. Vom Diskurs des Anderen (Wien 1998) intensiv mit den kulturwissenschaftlichen Implikationen der Psychoanalyse beschäftigt. In diesem Sinne ist er dafür ausgewiesen, innerhalb der Tagung den Spuren ‚gleichschwebender Aufmerksamkeit’ in den Hörräumen sowohl der Psychoanalyse als auch – in der kulturwissenschaftlichen Übertragung des Freudschen Theorems – der populären Musik (Ambient Music) nachzugehen.

Abstract:
Zwei Hörräume ‚gleichschwebender Aufmerksamkeit’: Psychoanalyse und Ambient.

Der Hörraum der Psychoanalyse ist durch die analytische Grundregel bestimmt, dass in ihr der Blickkontakt zwischen Analytiker und Analysand zugunsten der talking cure suspendiert ist. Somit gilt es für den Analysanden, möglichst ohne eine bewusste Steuerung der Rede zu sprechen. Für den Analytiker gilt es, dem Redestrom ebenfalls ohne ordnende Aufmerksamkeit zu folgen. Im Idealfall etabliere sich so eine Struktur „gleichschwebende[r] Aufmerksamkeit“ (Sigmund Freud), in der Analytiker und Analysand nicht wie Arzt und Patient bzw. Subjekt und Objekt zueinander stehen, sondern in eine Gemengelage des wechselseitigen Austauschs und Lernens eintauchen, in der ‚Aufmerksamkeit‘ gleichzeitig Spannung und Entspannung bedeutet und der Ertrag der Sitzung weniger in einem direkten Diskurs über konkrete Problemlagen als vielmehr in Assoziationsketten besteht, die locker um bestimmte Felder kreisen. Nimmt man den Begriff der ‚gleichschwebenden Aufmerksamkeit‘ bzw. seine strukturelle Einbindung ernst, lässt sich Freuds therapeutisches Konzept und dessen Hörraum auch über den Kontext der Psychoanalyse hinaus fruchtbar machen und kultur- bzw. klangwissenschaftlich wenden. In Übertragung auf Brian Enos Konzept der Ambient Music soll gezeigt werden, wie mit dem Wissen der Psychoanalyse eine Theorie des Ambient-Klangs skizziert werden kann, die auf dem Begriff der ‚gleichschwebenden Aufmerksamkeit‘ fußt und die zugleich den Wissenstransfer aus der Psychoanalyse in den Bereich der Popmusik adressiert.

Jan Philip Müller

Stipendiat des Graduiertenkollegs „Mediale Historiographien“, Bauhaus Universität Weimar

Jan Philip Müller untersucht in seinem Dissertationsprojekt Audiovision und Synchronisation. Sehen, Hören und Gleichzeitigkeit im Tonfilm die Diskurse um die Isolation der Sinne im 19. Jahrhundert sowie die nachfolgende Fusion technisch separierter Sinnesdatenströme in den Medien des 20. Jahrhunderts.

Abstract:
Die Rille schließen, das Klangobjekt identifizieren: Die Politik des Geräuschs in Pierre Schaeffers Entwurf einer Musique Concrète und Walter Murchs Sound Design für THX 1138.

In einer Gegenüberstellung der diskursiven und medialen Strategien der von Pierre Schaeffer propagierten Musique Concrète und Walter Murchs Sound Design für den Film THX 1138 (George Lucas, USA 1971) lässt sich ihre genealogische Verknüpfung ebenso wie einige Verschiebungen zwischen ihnen am Begriff des ,Klangobjekts‘ kondensieren. Das Klangobjekt zeigt dabei seinen prekären Status in den jeweiligen Verfahren, es aus seiner Amalgamierung mit der Klangquelle und/oder seiner Position in einer Bedeutungsstruktur (wie Sprache oder Musik) herauszulösen, um es dann an anderer Stelle zu stabilisieren. Während die Konstitution eines mit sich selbst identischen Klangobjekts nach Pierre Schaeffer gerade auf „Akusmatisierung“, d. h. der Abkopplung vom Visuellen beruht, ist die Sound Montage Walter Murchs grundlegend als Tonspur des Filmbildes, als eingebunden in ein audiovisuelles Gefüge zu denken. Allerdings bedeutet dies nicht, dass damit die Identifikation des Hörbaren wiederum beendet würde. Vielmehr ist die Herstellung einer „ambiguous twilight zone“ (Murch) zwischen Sprache, Musik und Geräusch hier erklärtermaßen Bestandteil ästhetischer Wirkungsoptimierung. So überlagert sich die Ästhetik von THX 1138 auf merkwürdige Weise mit dem, was im Film gleichzeitig als Schreckensvision einer totalitären, durchmedialisierten Gesellschaft kritisiert wird: „The theater of noise is proof of our potential.“

Dr. Thomas Wilke

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien und Kommunikationswissenschaften der Martin-Luther Universität Halle

Thomas Wilke ist seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medien und Kommunikationswissenschaften der Martin-Luther Universität Halle. Seine Dissertationsschrift (Leipzig 2009) widmet sich der populären Musikkultur in der DDR unter besonderer Berücksichtigung der ,Diskothek‘ als Ort medialer Vermittlungen. In Kürze erscheint der von ihm herausgegebene Sammelband: Sascha Trültzsch/Thomas Wilke (Hg.): Heißer Sommer – Coole Beats. Zur medialen Repräsentation popkultureller Angebote in der DDR, Frankfurt a. M., im Erscheinen).

Abstract:
Dispositiv ‚Diskothek‘. Historisch-ethnographische Untersuchungen zur kollektiven Musikrezeption im popkulturellen Klangraum.

Diskotheken stehen heute für einen spezifischen sozialtopographischen Kommunikationsort, eine Unterhaltungsform und eine Musikrichtung. Seit ihrer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz, flankiert und katalysiert durch den Disko-Boom Mitte bis Ende der 70er Jahre, üben sie bis heute einen nachhaltigen Einfluss auf Jugendliche hinsichtlich der Musiksozialisation, des Musikverständnisses und Musikkonsum respektive -gebrauchs aus. Zugleich veränderte und verändert sich auch die populäre Musik an sich – etwa durch eine dichotomische Ausdifferenzierung  tanzbar/nicht tanzbar bzw. diskotauglich/ nicht diskotauglich. Der Vortrag stellt die Diskothek als eine spezifische Wahrnehmungsform von populärer Musik dar, indem sich die Diskussion auf den (Klang-)Raum als Voraussetzung für veränderte Kommunikationsweisen und auditive (Re-)Präsentationstechniken konzentriert. Dabei wird das Potential eines theoretischen Zugangs über das Dispositiv als einem anschlussfähigen Modell von Medienkulturanalyse ausgelotet.

Prof. Dr. Golo Föllmer

Junior-Professor für Interkulturelle Medienwissenschaft, Schwerpunkt Audiokultur am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Martin-Luther-Uni-versität Halle-Wittenberg

Golo Föllmer hat mit einer Dissertation zum Thema Netzmusik. Elektronische, ästhetische und soziale Strukturen einer partizipativen Musik (Hofheim 2005) promoviert und ist ein Spezialist für die Klangkultur der neuen Medien und die Geschichte der Klangkunst.

Abstract:
Klingt nach Radio. Klangästhetische Untersuchungen des Radios im programmlichen, historischen und interkulturellen Vergleich.

Radioprogramme zeichnen sich durch eine ästhetische Gesamterscheinung, die sog. „Anmutung“, aus. Radio kann gediegen oder schrill, gehetzt oder gesetzt, jung oder altmodisch klingen, aber was die jeweilige Anmutung ausmacht, ist kaum systematisch erfasst. Die Palette der Bausteine, aus denen der spezifische Klang eines Radios sich zusammensetzt, beinhaltet u. a. Sprechweisen, Musiktitel, Programm-Timing, Sounddesign der Verpackungselemente (Jingles etc.) sowie die technische Aufbereitung des Sendesignals, die bislang fast nur von den Radiopraktikern in ihrer Wirkungsweise abgeschätzt werden können. Eine Theorie der Anmutung bildet nicht nur eine Leerstelle in der medienwissenschaftlichen Forschung, sondern auch eine Herausforderung für die methodischen Herangehensweisen, mit denen die Rolle des Klangs in Untersuchungen auf einer den Programmformaten übergeordneten Ebene erörtert werden kann. Der Vergleich zielgruppenspezifischer Wellen (was klingt z. B. „jung“?) in verschiedenen historischen Phasen und aus unterschiedlichen Kulturräumen (was klingt bspw. „fremd“?) scheint hier einen geeigneten Zugang zu versprechen.

Alexandra Supper

Doktorandin am Institut für Technology and Society Studies der Faculty of Arts and Social Sciences, Maastricht University

Alexandra Supper studierte Soziologie an der Universität Wien und ist zur Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technology and Society Studies der Universität Maastricht tätig. Ihr Dissertationsprojekt befasst sich mit den Problemen und Chancen der akustischen Darstellung wissenschaftlicher Daten (Sonifikation und Auditory Display) und untersucht mit den sozialwissenschaftlich-wissenschaftstheoretischen Methoden der STS (Science and Technology Studies) die Geschichte der „International Community for Auditory Display“ (ICAD).

Abstract:
Listen to Your Data? Strategien zur wissenschaftlichen Legitimation von Sonifikation im Netzwerk der ,International Community for Auditory Display‘ (ICAD) 1992-2009.

Vereinzelte Ansätze zur klanglichen Darstellung von Daten können auf eine lange Tradition zurückblicken – man denke nur an Beispiele wie das Stethoskop oder den Geiger-Zähler. Der Versuch, solche Ansätze zu bündeln und die Arbeit von WissenschaftlerInnen (und teils auch KünstlerInnen) aus verschiedenen Disziplinen, die an einer auditiven Darstellung von Daten für verschiedene Anwendungsbereiche arbeiten, miteinander in Kontakt zu bringen, ist jedoch deutlich jünger: Die 1992 ins Leben gerufene International Community for Auditory Display (1992) hat sich genau das zum Ziel gesetzt. Neben der technischen Weiterentwicklung von Sonifikation (wie die klangliche Darstellung von Daten auch genannt wird) wird in diesem Netzwerk mit unterschiedlichen Strategien versucht, Sonifikation wissenschaftlich zu positionieren und zu legitimieren. Nicht zuletzt geht es dabei darum, für die eigene Arbeit, die in gewisser Weise mit etablierten Konventionen für die Darstellung wissenschaftlicher Daten bricht, eine Nische zu schaffen, in der diese als seriöse Herangehensweise akzeptiert werden kann. Mit Hilfe von Grenzziehungsprozessen wird dabei der Status von Sonifikation zwischen Wissenschaft und Kunst ausverhandelt und versucht, eine professionelle Existenz mit klaren Kompetenzregelungen für Sonifikation zu schaffen. Auch der Bezug auf und die Abgrenzung von der Visualisierung spielt in diesen Prozessen eine Rolle, wird doch Sonifikation, abhängig vom jeweiligen Kontext, als Alternative oder Ergänzung, als Konkurrentin oder Verbündete der Datenvisualisierung positioniert.