
Professor für Musik und auditive Kultur sowie Digitale Medien/Kulturinformatik am Studiengang Angewandte Kulturwissenschaften der Universität Lüneburg
Rolf Großmann hat sich mit dem Thema Musik als Kommunikation (Braunschweig 1991) promoviert und verfolgt neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit auch eine Laufbahn als Musiker (mit dem Schwerpunkt Jazz) und Klangkünstler. Er ist außerplanmäßiger Professor in den Bereichen ,Musik und auditive Kultur‘ sowie ,Digitale Medien/Kulturinformatik‘ des Studiengangs „Angewandte Kulturwissenschaften“ der Leuphana Universität Lüneburg und dort Leiter des Schwerpunktbereichs „((audio)) Ästhetische Strategien“. Im letzten Jahr erschienen: Christian Bielefeldt, Udo Dahmen, Rolf Großmann (Hg.): PopMusicology. Perspektiven der Popmusikwissenschaft (Bielefeld 2008).
Abstract:
Die Materialität des Klangs und die Medienpraxis der Musikkultur – ein verspäteter Gegenstand der Musikwissenschaft
Im Zuge des Wandels der medialen Zurichtung, in der musikalische Tradierung und Gestaltung stattfindet, hat die an der traditionellen Notenschrift ausgerichtete Musikwissenschaft ihre Zuständigkeit für einen großen Teil aktueller Musikpraxis eingebüßt. Die neue Schriftlichkeit der Phonographie lässt akustisches Material als Schall-Platte (!) oder Magnetbandschnipsel buchstäblich greifbar werden, bevor es sich in den digitalen Rastern der Samplerate und Bittiefe auflöst und dort ein weiteres umfassendes Spektrum von Transformationen generiert. Musique concrète, Hiphop, Dub, Soundscapes und Klangkunst sind nur einige Schlaglichter, die leicht als Ergebnis des medienmusikalischen Wandels auszumachen sind. Betroffen ist jedoch die gesamte auditive Kultur des Hörens und Gestaltens akustischer Phänomene. Ein wichtiger Schritt zum musikwissenschaftlichen Verständnis der Veränderungen in der Musik könnte die Neubestimmung nicht nur ihrer Medialität und Materialität, sondern auch der Konzeption musikalischen Materials sein. Bisherige Materialdiskurse der Musik (etwa bei Th. W. Adorno) verhandeln technische Medien als reine Vermittlungsinstanzen, die im Hinblick auf von ihnen vermittelten Gegenstände neutral bleiben. Hier sind medienwissenschaftliche Positionen fruchtbar zu machen.
Medienwissenschaft – das zeigt auch diese Tagung – übernimmt bereits seit einiger Zeit einen Teil des verlorenen Terrains der Musikwissenschaft. Dies ist notwendig und hilfreich, produziert aber auch Missverständnisse und Verwerfungen. Parallelen zur Kunst- und Literaturwissenschaft, die sich mit dem Wandel ihrer Gegenstände ebenfalls schwer taten und tun, sind dabei nicht zufällig. Die Diskussion über sinnvolle Fokussierungen, Fragestellungen und Ziele der „alten“ Fachdisziplinen, die aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive kaum erschlossen werden können, ist durchaus spannend, wenn sie nicht als Abwehrkampf von alt gegen neu geführt wird. Bezeichnungen wie Bildwissenschaft, visuelle Kultur oder Sound Studies, auditive Kultur etc. sind in diesem Sinne Label neuer, noch wenig disziplinierter wissenschaftlicher Zwischenbereiche, deren alte und neue Heimat zu klären wäre.